ÜBER-VÄTER

Über-Väter Auisschnitt

Erich Höbarth Violine, Leitung
Reinhold Friedrich Trompete


JOSEPH HAYDN (1732 – 1809)

Symphonie Nr. 63 C-Dur Hob. I:63 «La Roxelane»

LEOPOLD MOZART (1719 – 1787)

Trompetenkonzert D-Dur

JOSEPH HAYDN

Trompetenkonzert Es-Dur Hob. VIIe:1

WOLFGANG A. MOZART (1756 – 1791)

Symphonie Nr. 40 g-Moll, KV 550

 

Zum heutigen Programm

„Haydn sagte mir: ich sage ihnen vor gott, als ein ehrlicher Mann, ihr Sohn ist der größte Componist, den ich von Person und den Nahmen nach kenne: er hat geschmack, und über das die größte Compositionswissenschaft.“ Es war Leopold Mozart, der dieses berühmt gewordene Zitat anlässlich einer Aufführung der Joseph Haydn gewidmeten Streichquartette Wolfgang Amadé Mozarts am 12.2.1785 festhielt. Letztmaliges Aufeinandertreffen dreier komponierender Weggefährten: Mozart und seine Über-Väter. Mit Leopold, dem aufopfernden Vater, ewigen Vizekapellmeister in Salzburg, aber auch Autor der wichtigsten Violinschule der Zeit, lebt er seit der Übersiedlung nach Wien einen klassischen Vater-Sohn-Konflikt aus. Haydn dagegen gilt ihm als Leitfigur in der Musik, in der weltläufigen Lebensführung, im europäischen Erfolg. Ein Ödipuskomplex, an dessen Ende das musikalische Über-Ich Mozarts stehen wird.

Haydns launige Sinfonie C-Dur mit dem Beinamen La Roxolana hat eine schwierige Entstehungsgeschichte: Der rhythmisch verspielte, im Mittelteil gar dramatische Kopfsatz ist eine Umarbeitung der Ouvertüre zur Oper Il mondo della luna; ein provisorisches, als ungeeignet erscheinendes Menuet und Finale werden für den Druck 1779 kurzerhand neu komponiert – Vaterkomplexe kannte Haydn als Schöpfer seiner Werke jedenfalls nicht. Auch aufgrund des für den 2. Satz authentisch überlieferten Titels La Roxolana liegt ein Zusammenhang mit Haydns musiktheatralem Schaffen für den Fürsten Esterhazy nah. Tatsächlich schrieb Haydn regelmässig Schauspielmusiken für die Schauspieltruppe um Karl Wahr, die auch Favarts beliebtes Türkenstück Soliman II im Repertoire hatte, in welchem die Figur der Roxelane auftaucht. Lessing charakterisiert sie in seiner Hamburgischen Dramaturgie als „ein weibliches Ding, flüchtig, unbedachtsam, wild, witzig bis zur Unverschämtheit, lustig bis zum Tollen, viel Physiognomie wenig Schönheit“, und die doch am Ende moralisch geläutert ist. Im Allegretto und seiner ungewöhnlichen Doppelvariationsform wird im regelmässigen Wechsel von Moll und Dur derselbe motivische Gedanke im reizvollen Spiel zwischen den solistisch hervortretenden Streichern und Bläsern bruchstückhaft, melancholisch, chromatisch verirrt, gediegen oder heiter auf die sinfonische Bühne gebracht. Die grosse Coda fasst die heterogenen Varianten in einem auf allen Ebenen strahlenden Tutti zusammen. Das neue Menuett mit banal-genialem Ländlertrio und ein frisch-furioses Presto-Finale unterstreichen die fröhliche Doppelbödigkeit dieses alles andere als uneinheitlichen Werks.

Eine kreative Bearbeitung ist auch Leopold Mozarts Trompetenkonzert. Das 1762 komponierte und neukompilierte Werk war ursprünglich Bestandteil der wesentlich umfangreicheren neunsätzigen Serenata D-Dur, dort ergänzt um Oboen, eine 2. Trompete und sogar Soloposaune, denen auch jeweils ein eigener Platz zur solistischen Entfaltung eingeräumt war. Kaum verwunderlich also, dass die beiden mittleren Sätze, die der „Soloclarino“ gehören, auch als zweisätziges Konzert in der Satzfolge Adagio und Allegro moderato überzeugen können. Beide Werke stehen im Zusammenhang mit Leopolds Salzburger Bekanntenkreis, zu dem auch die beiden Trompeter Johann Andreas Schachtner und Caspar Köstler gehörten. Das einleitende Adagio besticht durch seine sanft geschwungene aufsteigende Melodie, die vom Solisten aufgegriffen wird; die Solokadenz am Ende bietet dagegen Gelegenheit, virtuos zu brillieren. Fanfarenartige, repetierende Thematik im nachfolgenden, lebhaften Allegro vermittelt den klanglichen Reiz der Trompete als Signalinstrument – eine ganze Welt der Clarinblaskunst auf kleinstem Raum.

Haydns einzig überliefertes Trompetenkonzert entstand erst 1796, ist somit das späteste seiner über 20 Solokonzerte. Der Trompeter Anton Weidinger, dem es zugedacht ist, hatte etliche Jahre und viel Geld in die Erfindung seiner Klappentrompete investiert, ohne die das Werk nicht vorstellbar ist. Die Besonderheit der Klappen besteht nicht nur in der Möglichkeit, den Tonvorrat des Instruments durch chromatische Töne dort zu erweitern, wo ohne Stopfen keine Naturtöne zur Verfügung stehen, sondern vor allem darin, sie den volleren und reicheren Naturtönen klanglich anzugleichen. Dem ist nun die für die Trompete ungewöhnliche diatonische Sanglichkeit geschuldet, das heisst die gleichmässige, tonschrittweise Ausfüllung des nun unbeschränkt zur Verfügung stehenden Oktavraums, wie sie im Kopfsatz hervorsticht. Das gross besetzte Werk stellt auch mit Klappen hohe technische Anforderungen, hat aber zugleich einen vergleichsweise tiefen Tonfall, der sich durch Wärme auszeichnet. Demgegenüber fällt das Militärisch-Repetitive der Trompete nun kurioserweise dem Streichersatz zu, was einen abwechslungsreichen, spielerischen Dialog nach sich zieht – ein weiterer, geistreicher Witz von „Papa Haydn“? Die lyrische Romanze des nachfolgenden Andante mit seinem ungewöhnlichem Mittelteil in Ces-Dur demonstriert auch harmonisch die neue Vielseitigkeit des Soloinstruments, die auch das Finalrondo als würdiger Kehraus einzulösen vermag.

„ich habe in den 10 Tagen daß ich hier wohne mehr gearbeitet als in anderen Logis in 2 Monate, und kämen mir nicht so oft schwarze Gedanken (die ich nur mit Gewalt ausschlagen muß) würde es noch besser gehen“. Kurz nach Mozarts Umzug in die Wiener Vorstadtwohnung in Währing Mitte Juni 1788 liegen als kompositorische Früchte die in nur 8 Wochen geschaffenen letzten drei Sinfonien vor, neben denjenigen in Es- und C-Dur (Jupitersinfonie) auch die „Große“ in g-Moll. Das ist die Tonart des klagenden, leidenschaftlich bewegten Charakters und seiner affektzentrierten Bewegungsformel in der Oper. Mit widerstrebenden Elementen von abtaktiger Begleitung und auftaktiger Impulsmelodik bricht Mozart deren traditionelle Einheit und erreicht so eine Strenge höherer Ordnung, die sich am geistvolleren Gestaltungswillen Haydns orientiert und ihn zugleich zu überwinden sucht – ein sinfonischer Vatermord mit allen Konsequenzen: Der atemlose Beginn und das melancholisch bebende Andante führen zur himmelstürmenden Raserei des Finales mit seinen erbarmungslosen kontrapunktischen Zersetzungen, die sich sogar noch Beethoven abschrieb – und Mozart wird selbst zum Über-Vater.

Text: Sascha Wegner

Reinhold Friedrich

Reinhold Friedrich ist seit seinem Erfolg beim ARD-Wettbewerb 1986 auf allen wichtigen Podien der Welt zu Gast. Er konzertiert als Solist mit Ensembles wie den Berliner Barocksolisten oder dem Royal Concertgebouw Orchestra. 2003 ernannte Claudio Abbado (†) Reinhold Friedrich zum ständigen Solo-Trompeter des Lucerne Festival Orchestra, mit dem er auch häufig als Solist auftrat.

Erich Höbarth
Seit 15 Jahren sind die CAMERATA BERN und ihr ehemaliger künstlerischer Leiter Erich Höbarth musikalische Komplizen. Der Wiener Erich Höbarth war 1978 bis 1980 Mitglied im berühmten Végh-Quartett. Zwischen 1980 und 1986 hatte er den Posten des Konzertmeisters der Wiener Symphoniker inne und seit 1981 wirkt er in derselben Funktion sowie als Solist in Nikolaus Harnoncourts Ensemble Concentus Musicus Wien. Er war ausserdem Primarius des Wiener Streichsextetts und von 2000 bis 2009 künstlerischer Leiter der CAMERATA BERN. In den Fächern Violine und Kammermusik lehrte er in Wien und Graz; seit 2013 ist er Professor für Violine an der Musikhochschule Leipzig.